Das verteufelte Geschlecht

Wie wir gelernt haben, alles Männliche zu verachten. Und warum das auch den Frauen schadet. Ein Essay

Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: »Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.« Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: »Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?«

Die einzig sinnvolle Antwort »Klar, warum denn nicht?« fiel dem Autor nicht ein. Stattdessen raunte er von der Gier, dem Machthunger, der Gewissenlosigkeit und dem Egoismus der Männer, genauer: der »Herde von Männern«, um das Animalische im Manne auch gebührend zu entlarven. Unklar blieb allerdings, ob der männliche Redakteur damit auch eine Selbstbeschreibung lieferte und was das für seinen Text bedeutete: tierisch gut, tierisch schlecht, tierisch blöd?

Er wähnte sich wohl in bester Gesellschaft, denn etwa zur gleichen Zeit deutete der Trendforscher Matthias Horx die Finanzmalaise zur »Testosteron-Krise« um. Vermutlich unabhängig davon gelobte die nach dem Bankencrash gewählte isländische Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir, das »Zeitalter des Testosterons« zu beenden. Das wiederum dürfte die Financial Times Deutschland begrüßt haben, schrieb sie doch unter der Überschrift Ausputzfrauen ohne Umschweife: »Frauen sind die besseren Finanzexperten. (...) Nun sollen sie die Trümmer der Männer wegräumen – und mit ihrem Gespür für Risiken den nächsten Absturz verhindern.«

Die Welt war wieder heile, also eigentlich kaputt. Kriegstreiber und Trümmerfrauen, die Männer reißen ein, die Frauen bauen auf, Testosteron zerstört, Östrogen heilt.

Man würde vermutlich unnötig strenge Maßstäbe anlegen, verlangte man eine halbwegs plausible Erklärung dafür, warum der schwankende Testosteronspiegel einer Männerpopulation sich auf die internationale Finanzwelt auswirken soll: etwa auf die globalen Ungleichgewichte von Handelsströmen und Zahlungsbilanzen oder auf das Kleingeschriebene der Euro-Verträge, die erst mit einem Jahrzehnt Verzögerung ihre Fatalität offenbaren.

Ach, da solle man nicht kleinlich sein? Es reiche doch schon der Hinweis, dass vor allem Männer als Banker arbeiten. Klar: Und so viele Kinder scheitern bereits in der Grundschule, weil dort überwiegend Frauen unterrichten...

Also noch mal: Worum geht es? Welchen Erkenntniswert erhoffen sich die Autoren, wenn sie die Finanzkrise und die meisten anderen Krisen unserer Welt – Hormone hin oder her – den Männern in die Schuhe schieben? Was genau meinen sie damit?

Denn es dreht sich ja nicht nur um die Wirtschaftskrise. Als sich im vergangenen Jahr überwiegend Männer in Davos zum Elitegipfel trafen, legten sie, berauscht von der Höhenluft, ein Papier vor mit dem hoffnungsfrohen Titel: »Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen!« Feminine Linderung versprechen sie sich unter anderem bei Arbeitslosigkeit und Kriegen, in Fragen der Bildung und solchen der alternden Gesellschaft. Was im Umkehrschluss vermuten lässt: In diesen Fällen sind Männer das Problem, oder sie erzeugen es. 

Diese Diagnose würde wohl der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner teilen, der 2008 in pompöser Schlichtheit konstatierte: »Fortschritt wird durch Frauen erzielt.« Dass Männer im Kontrast dazu als »Feinde der Menschheit« gelten müssen, hat sogar die ZEIT schon vor zehn Jahren getitelt. 

Man kann aus solchen Erkenntnissen auf verschiedene Weise Profit schlagen: mit brachialer Rhetorik wie die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, die in hinreißender Offenheit befand: »Männer sind Tiere« – was die Feministische Partei Schwedens mit der Forderung nach einer »Männer-Steuer« begleitete. Oder indem man die Paranoia pflegt wie die Innsbrucker Politik-Professorin Claudia von Werlhof, die Männer verdächtigt, im Rahmen des »kapitalistischen Patriarchats« das verheerende Erdbeben von Haiti ausgelöst zu haben – weil sie den naturfeindlichen Männern auch bizarrste geologische Experimente zutraut. Oder indem man sich dem Mainstream der Gesellschaft andient, wie im aktuellen Grundsatzprogramm der SPD , das unter Kapitel 3.4 fordert: »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.«

Sollten wir daraus folgern, dass die Herren Gabriel und Steinmeier einen minderen Anteil an Menschlichkeit besitzen als die Damen Nahles und Kraft? (Wobei, sorry, Letztere dank ihrer Schuldenpolitik keinen Zutritt zum Anti-Testosteron-Club der Ausputzfrauen erhalten sollte.) Und wann wäre dieser Logik nach eine Gesellschaft endlich hinreichend unmännlich, also menschlich: Wenn sie 50 Prozent oder 33 oder 17,3982 Prozent Männlichkeit enthielte? Und wie viel enthält noch mal die jetzige?

Ach, darum geht es auch nicht? Aber worum dann? Worum genau?

Womöglich sind diese Aussagen ja nur zu verstehen, wenn und weil sie eben nichts Genaues meinen. Weil sie nur ein vages Unbehagen äußern, einen groben Vorwurf, der davon lebt, immer unpräzise und daher stets irgendwie plausibel zu sein. Doris Lessing , die große feministische Autorin, beklagte, die Abwertung des Männlichen sei »so sehr Teil unserer Kultur geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen« würde. Betäubendes, betäubtes Hintergrundrauschen.

Männlichkeit muss gar nicht erst durch nachprüfbare Kausalketten mit dem Unerwünschten verknüpft werden. Sie erfüllt eine viel schlichtere Aufgabe: Sie ist die Kurzformel für Missstände aller Art. So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.

Das erlaubt es, über Männer so pauschal und abfällig zu sprechen wie über keine andere Gruppe. Oft genügt für die Verurteilung der bloße Verdacht. Als der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn , am 14. Mai 2011 in New York verhaftet worden war, weil eine Hotelangestellte behauptet hatte, von ihm vergewaltigt worden zu sein, wusste Amerikas Alpha-Kolumnistin Maureen Dowd in der New York Times schon am nächsten Tag, dass sich DSK »wie ein Bure« (Apartheid!) und »Primitiver« (Barbarei!) im »Höhlenmenschen-Stil« (Neandertaler!) auf »eine hart arbeitende, gottesfürchtige, junge Witwe« (Engel!) gestürzt hatte. Der Spiegel entlarvte nach dem Vorfall den Mann gar als »des Menschen Wolf« (Feind der Menschheit!). Kurze Zeit später ließen die Staatsanwälte alle Vorwürfe gegen Strauss-Kahn fallen .

Es geht nicht darum, diesen Politiker zu verteidigen. Wie man heute weiß, hat er häufig zumindest den Respekt für Frauen vermissen lassen. Es geht darum, zu bemerken, dass einem Mann blindlings eine Vergewaltigung zugetraut wird. Einer Frau aber nicht einmal eine Lüge. Artikel über die Niedertracht der Hotelangestellten sind jedenfalls nicht bekannt, wären indes ebenso evidenzfrei denkbar gewesen. Aber natürlich würden die Leser sie als nicht satisfaktionsfähige Dummheit durchschauen. Geht es dagegen um Männer, adeln wir den Hirnriss zur Erkenntnis: Gerade weil nichts Genaues bekannt ist über die Geschehnisse in Suite 2806 des New Yorker Sofitel, füllen wir das Vakuum mit dem Fantasiebild vom bösen Mann. Geht es um Abscheuliches, dient er als beliebteste Ursache.

Der antimaskuline Reflex lässt sich noch einige Niveaustufen absenken, um dann zu einem formlosen Faul- und Tumbheitsverdacht zu werden, wie ihn gerade beispielhaft der Philosoph Richard David Precht in der Für Sie äußerte: »Die Anzahl der Männer, die mit einem Bier vor dem Fernseher Fußball gucken und einfach nur glücklich sind, ist nun wirklich größer als die Anzahl der Frauen bei einer vergleichbaren Tätigkeit.« Wobei im Dunkeln blieb, a) woher die Statistik stammt und b) was unter einer vergleichbaren Tätigkeit zu verstehen ist: Haar-Extensions einkleben, Germany’s next Topmodel gucken und dabei Baileys schlürfen oder mit der Freundin die neuesten Abenteuer aus den Feuchtgebieten betratschen? Wenn es um Männer geht, begeben sich halt auch Philosophen auf Augenhöhe mit Mario Barth.

Und da wir schon ein bisschen geprobt haben: Versuchen wir einmal, im Duktus der Männerphobie über andere soziale Gruppen zu sprechen. »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die Gesellschaft der Juden überwinden.« Oh Gott! »Das Zeitalter der Östrogene muss beendet werden.« LOL, oder für die Älteren unter uns: haha. »Schwarze sind Tiere.« Oh nein – aber wenn es sich um schwarze Männer handelt, dann ist es vielleicht doch sagbar.

Ach, das ist jetzt aber maßlos übertrieben? Und wenn es das ist, warum spicken wir dann Artikel über Männer mit solchen Maßlosigkeiten? Es ist notwendig, für die Antwort ein wenig auszuholen. 

Feministinnen gelten landläufig als Hauptschuldige am verbreiteten Männerhass. Mal sollen die radikalen Varianten der Post-68er für unser schäbiges Männerbild verantwortlich sein, mal wird die erste Welle der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts als Quelle genannt. Beides ist falsch. Der Feminismus hat die Ideologie der bösen Männlichkeit nicht erfunden, er hat diese nur für eigene Zwecke genutzt und oft sogar richtige und politisch segensreiche Schlüsse daraus gezogen. 

Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden, seither schreiten beide, Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie. Das Unbehagen an der Moderne wurde zum Unbehagen am Mann. Und umgekehrt. 

Und wir müssen an den Startpunkt zurückgehen, um uns von diesem Missverständnis zu befreien.

Davor erhebt sich allerdings eine hohe Hürde; sie besteht in einem Irrtum der Geschlechterwissenschaften. Die gehen mehrheitlich davon aus, zu Beginn der Moderne habe der Mann sich selbst zum Inbegriff des Menschlichen erklärt, als überlegenes Geschlecht, rational, moralisch und fehlerlos. Im Unterschied zur emotionalen, häuslichen und einfältigen Schwundform des Menschen namens Frau. Als »Mann plus, Frau minus« wurde dieses vermeintliche Denkmodell bezeichnet – um es als patriarchal und anmaßend zu bekämpfen.

Nur leider: Es ist bloß ein Mythos. Um 1800 kommt als eigentliche historische Neuerung vielmehr ein Diskurs auf, der Männer als naturhaft unmoralisch, gewalttätig, egoistisch, asozial, hypersexuell, gefühlskalt, kommunikationsunfähig und verantwortungslos charakterisiert. Die Vorwürfe beginnen etwa um 1765. Im Jahre 1779 weiß der schottische Aufklärer William Alexander bereits: »Der Mann ohne weibliche Begleitung ist ein gefährliches Tier der Gesellschaft.«

Kurz darauf sieht der deutsche Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt in naturaler Männlichkeit nichts als »Härte und Gewaltthätigkeit«, nur »Einseitigkeit« und »Mangel«, was ihn zur Schlussfolgerung verleitet: dass »sich der Mann von seinem Geschlecht lossagen und sich dem Weiblichen nähern müsse, um wahrer Mensch zu werden«. Die SPD hat von ihm gelernt.

Andere bürgerliche Denker, die heute keiner mehr kennt, finden in Männern nichts als »Egoismus der gröbsten Art, instinktmäßigen Eigennutz« und eine »grausame und gleichgültige Natur«. Kein Wunder, dass von diesem bloßen »Stück kalter Vernunft« nur das Übelste zu erwarten ist: »die Gefühllosigkeit der Männer vernichtet die Menschlichkeit«.

Vieles von dem, was um 1800 zum Standard von Männlichkeitsbeschreibungen wird, lässt heutige Radikalfeminismen zu Poesiealben-Prosa verblassen. Alle Männer sind Vergewaltiger? Klar, schreibt John Millar 1787, nennt es allerdings »universale Prostitution«, die Männern den Frauen aufzwängen. Diese wiederum verfolgten unbeirrt ihren Weg, denn wo »es auf Vernunftgebrauch ankam, scheint immer das Weib die Bahn gebrochen zu haben...«. So schreibt es 1793 Theodor Gottlieb von Hippel , ein enger Freund von Immanuel Kant . (Und offenbar Inspirator von Herrn Kouchner.)

Man darf, trotz all dieser befremdlichen Begriffe, solche Einlassungen nicht als Randdiskurs missverstehen. In Aberhunderten Quellen der Zeit, in Büchern, Aufsätzen, Traktaten, finden sich die Spuren dieser aufkeimenden Überzeugung, die bedeutendsten Philosophen von Adam Smith über Kant zu Hegel wirken an ihr mit, bis dieses »Wissen« vom Mann um 1850 schließlich Eingang in die Lexika findet und kanonisch wird. (Erst dann kommt auch der Gedanke auf, die Guten und die Schlechten zu sortieren: Das Kommando »Frauen und Kinder zuerst« fällt erstmals 1852 auf einem Schiff Ihrer Majestät, Königin Viktoria.)

An vorderster Front agitiert Johann Gottlieb Fichte , der Philosophenstar nach Kant. Die Beschäftigung mit ihm ist besonders aufschlussreich, weil er das Geschlechterdenken der Moderne wie kein anderer auf den Punkt bringt. Gemeinhin wird er als übelster Frauenfeind geführt, denn in der Tat: Er spricht verheirateten Frauen jegliches Recht ab und verlangt, sie hätten alle Individualität aufzugeben, um sich ganz dem Manne zu unterwerfen.

Aber warum? Weil der Mann derart überlegen ist und von solch höherer Beschaffenheit, dass sie vor ihm zu kriechen habe? Keineswegs! Der Grund klingt weitaus hässlicher für den Mann, von dem Fichte vermutlich das abfälligste, das heimtückischste Bild zeichnet, das je entworfen wurde. 

Männer sind für ihn pure Triebtiere, allein der »niedern Sinnlichkeit« nachjagend, der »Geschlechtslust« – worin das »Wesen der Unmoralität« besteht. Sie sind restlos unfähig zu lieben, auch können sie keinerlei menschlich-warmen Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen, allein die Vermittlung durch die Ehefrau kann das Gröbste lindern. So autistisch sind Männer in sich verpuppt, so sehr dem primitivsten Egoismus verhaftet – philosophisch feinsinnig formuliert: der Verabsolutierung ihrer Subjektivität –, dass Fichte sie als Prototyp des »absoluten Bösen« brandmarkt. In der säkularen Moderne ersetzt der Mann den Teufel als Eichmaß des Abscheulichen. 

Und wo ist Rettung aus dieser Kältekammer des Männlichen? Man ahnt es: bei der Frau natürlich. Nur sie, und nur sie allein, ist zur Liebe und damit zur Ehe fähig – dem Ort, darin ist Fichte kategorisch, »aller Moralität«. So kann allein sie den Mann zivilisieren und die bürgerliche Gesellschaft zu einer leidlich anständigen machen: indem die Frau sich unter Aufgabe aller Individualität und aller Rechte unterwirft, um durch die Übergröße ihres Opfers im Manne wenigstens ein paar moralische Anwandlungen zu wecken. Und diese dann im Laufe der Ehe so weit zu nähren, dass der Mann wider seine Natur zum brauchbaren Mitglied der Gemeinschaft emporsteigt.

Es klingt wie ein böser Traum – aber so gewalttätig, so furchterregend für beide Geschlechter präsentiert sich der Ur-Gedanke der modernen Männerskepsis.

Er ist auch eine Revolution: Als erste Epoche erzählt die Moderne keine Heldengeschichte der Männer, sondern eine Problemgeschichte. Das schließt nicht aus, zivilisierte Männer, die ihre Natur hinreichend überwunden haben, als Vorbild zu verherrlichen – es gibt um 1800 stets auch die Perspektive auf eine taugliche, weil reformierte Männlichkeit. Ebenso finden sich Übertreibungen in die Gegenrichtung, die das Bestialische des Männlichen zur Weltenkraft hochschreiben – und dem Manne alle kalten Talente zuschreiben, die Moderne zu bewältigen: Wissenschaft, Technik, Krieg. Aber im Zentrum des Geschlechterverhältnisses steht nicht der überlegene Mann. Sondern der unmoralische.

Dieser Einsicht folgt eine verhängnisvolle Geschlechterlogik. Die Verworfenheit der Männer bedeutet nämlich auch für die Frauen nichts Gutes: Die haben jetzt ganz anders zu sein! Wenn Männer das Problem der Gesellschaft sind, müssen Frauen die Lösung darstellen. Das geht nur, wenn sie von grundlegend anderem Charakter sind: einfühlsam, passiv, friedlich – der ganze Kanon der Beleidigungen einer reduzierten Weiblichkeit. Das Spiegelbild eben zu den Beleidigungen einer reduzierten Männlichkeit.

Und wenn die Zivilisierung qua guter Weiblichkeit misslingt? Dann gnade Gott den Menschen. Die Erde wandelt sich zur Hölle des Maskulinen. »Der natürliche Egoismus unseres Seyens würde die ganze Schöpfung zerstören«, schreibt ein lange vergessener Autor im Jahre 1800, und ein anderer malt 1798 unter dem Titel »Das andere Geschlecht, das bessere Geschlecht« folgendes Schreckbild seiner selbst: »Man kann gewiss seyn, dass die Welt längst zur großen, menschenleeren Wüste geworden wäre, wenn bloss Männer darauf gesetzt worden wären. Sie würden unfehlbar in Kurzem sich alle einander gemordet haben. Die Welt weiss nicht wie viel sie in dieser Hinsicht dem andern Geschlechte zu danken hat.«

Die beklemmenden Imaginationen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind zeitgleich entstanden. Und bedingen einander. Doch während wir das Frauenbild inzwischen einer gründlichen Renovierung unterzogen und mit überfälligen Ergänzungen angereichert haben, sind uns ähnliche Aufhellungen des Männerbildes misslungen. Stattdessen macht unsere Gesellschaft es sich in einem Murmeltiertag der Männerressentiments behaglich und glaubt auch noch, durch deren unablässige Wiederholung die Geschlechterverhältnisse zu verbessern.

So gleichförmig sind die Vorhaltungen, dass an ihnen nicht einmal die Jahrhunderte abzulesen sind:

»Alle Bösewichter sind Männer. Gibt es irgendetwas Gutes auf der Welt, was die Männer gemacht haben? Nur Frauen sind gut.« (Lars von Trier, Regisseur und nach einem Nazi-Spruch selbst als Bösewicht entlarvt, 2003)

»Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer. Du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken« (Friedrich Schleiermacher, Theologe, 1798).

»Der Krebsschaden unserer Kultur ist der zu starke Vorrang der Männlichkeit« (Alfred Adler, Psychologe, 1910).

So langweilen wir einander durch die Jahrhunderte und halten dies auch noch für wahlweise mutig, kritisch, aufschlussreich.

Aber wodurch wurde die Vorstellung von der bösen Männlichkeit ausgelöst? Man könnte vermuten, durch das Verhalten der Männer selbst. Durch empirische Beobachtung gewissermaßen. Aber das bestätigt sich nicht. Im Gegenteil: Um 1800 machte der empfindsame Mann Karriere, der sich von Macho-Gehabe lossagte. Gewalttätigkeiten von Männern gingen statistisch belegbar zurück (und tun es bis heute), und der warmherzige, sensible Typ avancierte zum Ideal der Zeit.

Die böse Männlichkeit sollte nicht das Verhalten der Männer erklären, sondern die Umbrüche der Gesellschaft. Die Ständegesellschaft zerfiel, Hierarchien begannen sich aufzulösen, und die Individuen wurden – meist gegen ihren Willen – aus alten Bindungen freigesetzt. An die Stelle der Tradition trat ein unübersichtliches, instabiles Gebilde: die moderne Gesellschaft. Arbeitsteilung, Individualisierung, Vervielfältigung von Rollen durch neue Berufe, neue Verhältnisse. Diese Welt wurde gefeiert – und gefürchtet. Die Aufklärer bejubelten zwar, um sich selbst zu beruhigen, die Vernunft, aber die eigentlichen Schlagworte der Zeit lauteten: Entfremdung, Zergliederung und Auflösung.

Und die Ursache? Man wusste sich nicht besser zu helfen, als die Geschlechter zu nehmen. In einem vielschichtigen Denkprozess wurde das Bedrohliche – aber auch Aufregende – des Neuen mit Männlichkeit verbunden. Und das Verlässliche – und Betuliche – der Tradition mit Weiblichkeit. Mit Männern wagte man sich an die Probleme, was sie als problematisch stigmatisierte. Mit Frauen blieb man auf sicherem Grund, was sie zu Hüterinnen reduzierte. 

Die Männer, Kaufleute, Gelehrte und Philosophen, wurden gedacht als besonders infiziert vom Neuen – und als dessen Ursache. Ihre Sinne vertrockneten angeblich, ihre Herzen erkalteten, weil sie wie Fabrikwaren in die Welt geworfen wurden. Ihre böse Natur sollte dazu passen, und sie passte sich an. So wurde Männern die Gier der Wirtschaft und die Machtlüsternheit der Politik als geschlechtsspezifisch unterstellt. Die unheimliche Moderne wurde männlich.

Als die Gedanken in der Welt waren, begannen sie die Geschlechter nach ihren Vorgaben zu formen. Frauen hatten in der Häuslichkeit die gefährliche Welt gut zu machen und galten schließlich als unfähig zu höheren Einsichten, Männer wurden bald als lieblose Störenfriede in der Familie marginalisiert. 

Besonders grausam traf es Homosexuelle. Kaum war der Mann als soziales Zentralproblem etabliert, galten zwei miteinander verbundene Männer als unerträgliche Bedrohung. So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.

Am Anfang der Männerskepsis steht also nicht eine problematische Männlichkeit, sondern eine als problematisch empfundene Gesellschaft, die verzweifelt nach einer Ursache ihrer Problematik sucht. Und diese in den Männern findet. Dabei war der Zusammenhang niemals streng, sondern immer vage, porös und provisorisch. Bis heute. Das große Irgendwie der Schuldzuweisung. 

Ähnlich grobschlächtig verläuft daher die Therapie. Denn am Manne versucht sich die Gesellschaft seither selbst zu therapieren. So avancierte der »Neue Mann« zum Notnagel. Vom Mann wird Selbstverbesserung in Permanenz verlangt, schließlich belegt jede neue (Finanz-, Welt-, Sinn-)Krise, dass seine jeweils letzte Veränderung unzureichend war.

Das frühe 19. Jahrhundert verdammte den Hagestolz, den Unverheirateten, weil er sich der Zivilisierung durch die Ehe entzog. Die erste Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts verstand sich dementsprechend auch als Reformprogramm von Männlichkeit und propagierte: »Stimmrecht für Frauen, Keuschheit für Männer« – das Erste, um endlich Moralität in die Politik zu bringen, das Zweite, um die wahllos hurenden Bürgermänner zu mäßigen. Die Weimarer Republik forderte einen »Neuen Mann« nahezu im Jahrestakt, besonders prominent ein Aufsatz in der Weltbühne 1925 (Titel: Der neue Mann), in dem es verheißungsvoll hieß, endlich entdecke auch der Mann die Liebe. Seit den 1960ern wird die Versionenzählung der jeweils neuesten Männlichkeit unübersichtlich, gefühlt sind wir beim Neuen Mann 47.0 angekommen – aber noch immer »lassen Männer lieben«, gelten sie als »Auslaufmodell« oder arbeiten die neueste »crisis of masculinity« ab, um Veröffentlichungen der letzten Zeit zu zitieren.

Unter der rein rhetorischen Überschrift Sind Frauen moralischer als Männer? konstatierte das Philosophie Magazin kürzlich: »Der Mann ist das problematische Individuum des 21. Jahrhunderts.« Ein Witz. Der Mann war auch das Problem des 18., des 19. und des 20. Jahrhunderts. Falls wir nicht schlauer werden, wird er auch das des 22. Jahrhunderts sein. Und daneben steht die Frau, von der es heißt, sie sei die Lösung, wenn der Mann sie nur ließe. Aber eine Lösung dafür, wie sie sich durchsetzen kann, hat sie noch nicht.

So hängen wir da, mit grotesk überzogenen Ansprüchen an den Erklärungswert von Geschlecht. Und zugleich mit einer Wirklichkeit, die durchwirkt ist von Geschlecht. Von dessen Überspanntheit und Unausweichlichkeit. Und schlagen uns mit den Folgeschäden herum. Dabei könnten wir schlauer sein.

Wann immer Wissenschaftler ausgezogen sind, grundlegende Differenzen zwischen den Geschlechtern zu finden, sind sie mit leeren Händen wiedergekehrt. Alle Versuche, Verhaltensunterschiede biologisch festzumachen, sind gescheitert, und auch die jüngsten Anstrengungen der »Neurosexisten«, ewiges Weib und ewigen Mann in den Hirnen zu finden, sind in einem Fiasko aus Widersprüchen und Unklarheiten gescheitert.

Statt stabiler Naturen finden Forscher etwas viel Irritierenderes: die federleichte soziale Erzeugbarkeit von Geschlecht. Unterschiede zwischen Männern und Frauen, aber auch innerhalb der Geschlechter, lassen sich bei Experimenten mit geringem Aufwand erzeugen. Oder nivellieren. Meist reichen wenige Worte. In ihrem exzellenten, gerade auf Deutsch erschienenen Buch Delusions of Gender (Die Geschlechterlüge) bereitet die Wissenschaftsautorin Cordelia Fine die Ergebnisse mit Akribie und Humor anhand vieler Beispiele auf. 

Männer gelten als begabter in visuell-räumlicher Vorstellung, was sich in Untersuchungen bestätigen lässt (und woraus sich Bestseller schustern lassen, die von den Einparkkünsten der Männer schwärmen). Sagt man Frauen hingegen vor einem Experiment, ihre räumliche Vorstellungskraft sei ebenso gut – dann verschwinden die Unterschiede zu den Männern. Sagt man Männern, sie seien schlechter – dann schneiden sie schlechter ab.

Frauen, so will es das Klischee, gelten als empathischer, versierter im Erkennen von Gefühlslagen. Es sei denn, man sagt Männern, sie seien darin ebenso bewandert – schon erweisen sie sich bei entsprechenden Tests als nicht minder feinfühlig. Mathematische Fähigkeiten? Männer im Schnitt besser. Es sei denn, man sagt Frauen, sie könnten es ebenso gut. (Ein wertvoller Tipp für Mathe-Lehrer.) 

Wissenschaftler nennen dieses Verfahren priming – die Impfung mit oder die Dämpfung von Stereotypen. Es scheint, dass die Effekte umso stärker sind, je subtiler das priming erfolgt, je beiläufiger der Abbau von Klischees. Auf der Strecke bleibt dabei jede Form von substanziellem, stabilem Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Geschlechterverhalten entsteht nicht durch Hormone, es entsteht durch Worte. Durch das, was wir reden – und uns einreden. Wenn wir es uns lange genug einreden, kann es aussehen wie Natur. Aber selbst dann können wir es noch ausschalten, wie die Versuche zeigen. Nur tun wir das meist nicht. Meist schalten wir ein. 

Auch die Wirklichkeit fügt sich längst nicht mehr den stereotypen Formvorschriften der Geschlechterbilder. Sogar im Kern der vermeintlichen Unterschiede, bei Moral, Gewalt und Gier, häufen sich die Belege für ein Geschlechter-Patt.

Geschiedene Männer kommen ihren Unterhaltspflichten nicht immer nach? Ja. Aber wenn Frauen zahlen müssen, überweisen sie deutlich seltener, so eine Studie des Justizministeriums. 

Häusliche Gewalt ist vor allem Männersache? Nein. Sie wird von beiden Geschlechtern etwa zu gleichen Teilen ausgeübt, von Beschimpfungen über Schläge bis zum Einsatz von Waffen wie Küchenmessern. Studien zeigen seit den 1970er Jahren konstant, dass »Männer in einem nicht unerheblichen Maße« Opfer häuslicher Gewalt sind, wie der Politologe Peter Döge erst im vergangenen Jahr resümiert hat. Und dass Frauen »zu einem fast gleichen Anteil wie die Männer« Täter sind. Allerdings auf unterschiedliche Art. So misshandeln Frauen häufiger Kinder, Männer verursachen schwerere Verletzungen.

Frauen führen anders, demokratischer? Oft ist das Gegenteil der Fall, und manche Frauen greifen zu besonders autokratischen Methoden, wie eine Studie des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit 2009 ergab.

Frauen bereichern sich weniger? Nicht die weiblichen CEOs in den USA. Die verdienten im Jahre 2009 rund 43 Prozent mehr als der Durchschnitt ihrer männlichen Kollegen.

Frauen bilden weniger Seilschaften? Nicht jene Frauen, die in Norwegen »Goldröcke« genannt werden: Sie wurden durch eine gesetzliche Quote in die Verwaltungsräte gehievt, wo sie seither ein enges, lukratives Netzwerk bilden.

Solche Befunde dürfen nicht als Kritik missdeutet werden oder als Retourkutsche gegen Frauen. Nein, es sind gute Nachrichten. Sie unterwandern die Illusionen von der Geschlechterdifferenz. Männer und Frauen nutzen Gelegenheiten, suchen ihren Vorteil, sichern ihre Macht, streben nach Reichtum und booten andere aus, unterstützen oder traktieren einander – was auch sonst?

Die einzig plausible Einsicht, die aus den Gender-Wissenschaften zu ziehen ist, hat die Münchner Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken kürzlich in einem Interview im Philosophie Magazin eher beiläufig gezogen: »Es gibt keine Natur.« Männer haben keine, Frauen auch nicht.

Doch wo Natur nicht wirkt, wirken Worte. Deshalb hat der Sermon vom bösen Mann Auswirkungen. Deshalb ist es nicht gleichgültig, dass wir das antimaskuline priming tagtäglich vollziehen.

Seit 200 Jahren werden Männer unter dem Verdacht ihrer »Unmoral« sozialisiert. Das hinterlässt Spuren. Und schafft Gelegenheiten. Nach mehr als einem Jahrhundert ethischer Entkernung von Männlichkeit konnten die großen Vernichtungsbewegungen des 20. Jahrhunderts, Faschismus und Stalinismus, auf einen Fundus hinreichend demoralisierter Männer zurückgreifen – zumindest solcher, die in völliger Verrohung keinen Widerspruch zur kulturellen Beschreibung ihrer selbst sahen.

Im Kleinen werden Männer bis heute zum Kalkül genötigt, wie schlecht ein Mann sein muss, um ein guter Mann zu sein. Wie viel Devianz muss er aufbringen, damit er als echter Kerl gilt? Polizisten, Staatsanwälte und Richter haben sich längst darauf spezialisiert, die jeweilige Klischeetreue von Männern und Frauen zu prämieren: »Wenn das Strafrecht ein Geschlecht hat, und bei der Strafzumessung könnte dies der Fall sein, dann privilegiert es Frauen«, schreibt die Kieler Rechtsphilosophin Monika Frommel. Der Mainzer Jura-Professor Michael Bock konstatiert, die »selektive Behandlung und Diskriminierung« von Männern werde »kulturell als durchaus normal« angesehen, löse also keine Verwunderung aus. Und er zitiert einen Polizisten, der schildert, wie nach einem Einsatz bei tätlichen Ehestreitigkeiten verfahren wird: »Natürlich nehmen wir den Mann mit.« 

Kaum jedenfalls war die Idee der verworfenen Männlichkeit aufgekommen, wurden praktisch nur noch Männer bestraft, Frauen dagegen entkriminalisiert. Die Historiker Deborah Little und Malcolm Feeley sprechen vom mysteriösen und kaum erforschten »Verschwinden der Frauen« aus der Kriminalstatistik. Heute stellen Frauen nur rund fünf Prozent aller Gefängnisinsassen in Deutschland, eine weltgeschichtliche Minimalquote, in vormodernen Zeiten waren regelmäßig 30 bis 60 Prozent der Tatverdächtigen und Häftlinge weiblich. Worüber sagt unsere Gefangenenquote mehr aus: über Männer – oder über unsere Angst von der gefährlichen Männlichkeit?

Als Beate Zschäpe, Mitglied des Mordtrios Nationalsozialistischer Untergrund , im November 2011 verhaftet wurde, räsonierten etliche Kommentatoren darüber, ob eine Frau zu solchen Taten wirklich in der Lage sei. Oder ob sie nur verführt worden war – von den männlichen Tätern. Schon zu Zeiten der RAF betrachtete man die Fahndungsplakate mit den Fotos der TerroristInnen so schaudernd wie ungläubig. Frauen wurde und wird eben nicht das volle Maß moralischer Verantwortlichkeit gewährt. 

So schaden das Wort von der hässlichen Männlichkeit auch den Frauen. Die geringe Neigung, Vorstandsposten und andere Top-Positionen mit Frauen zu besetzen, dürfte nicht darin begründet sein, dass Frauen fachlich schlechter sein könnten. Nein, womöglich gelten sie als moralisch zu gut. Und damit als unbegabt für jene Kaltblütigkeit, die ein Konzernchef braucht, um notfalls eine mittlere Kleinstadt von Angestellten zu entlassen.

Dabei ist diese Besorgnis unbegründet: In Russland besetzen Frauen knapp die Hälfte aller Führungspositionen, und von Verweichlichung ist dort ebenso wenig zu spüren wie in der stark feminisierten Finanzbranche Hongkongs (übrigens, liebe Ausputzfrauen, dort sind die Renditeanforderungen und Risiken so maßlos wie im Männerrudel der Deutschen Bank). 

Eine wissenschaftliche Befragung von Lehrern, Sozialarbeitern, Jugendhelfern und Medizinern ergab, dass deren »Beschreibung von Männlichkeit(en)« durchgängig »latent oder ganz offen negativ bzw. mit Abwertungen versehen wurde« – und zwar in einem Ausmaß, das die Forscher Reinhard Winter und Gunter Neubauer 1998 als »erschreckend« bezeichneten. Ob die Pädagogen mit dem Düsterbild von Maskulinität eine Ausnahme bilden oder eher im Konsens liegen, blieb unerforscht.

Bekannt ist hingegen, dass Eltern ihren Söhnen ein deutlich engeres geschlechterspezifisches Verhaltenskorsett anlegen als ihren Töchtern. Die Geschlechtergrenzen würden bei Jungen viel strenger »patrouilliert«, fasst Cordelia Fine den Wissensstand zusammen, während Mädchen zum Überschreiten ihrer Grenzen »ermutigt« würden Töchter als Spielplatz-Rabauken – prima! Söhne in Ballettröckchen – wehe! Eltern verspürten bereits bei Kindergartenjungs die Notwendigkeit, deren angemessene Gender-Performance mit harter Hand zu überwachen, schreibt Fine, weil richtige Maskulinität als etwas erachtet werde, in das Arbeit investiert werden müsse.

Steckt darin der überkommene Impuls, die »gefährlicheren« Jungen an die Kandare zu nehmen? Und steckt in dieser Kandare zugleich die unterschwellige Aufforderung an den Sohn, dann bitte auch den Gefährlichen zu geben und das Problematische im Männlichen hinreichend zu inszenieren? Es soll doch kein Zweifel aufkommen an seiner Männlichkeit! 

Wir wissen es nicht, weil unter diesem Blickwinkel nur lückenhaft geforscht wird. Stattdessen herrscht ein großes Zögern, auch Jungen als Produkte ihrer Umwelt zu beschreiben. Eine der renommiertesten deutschen Bildungsforscherinnen, Hannelore Faulstich-Wieland, die einige aufschlussreiche Studien veröffentlicht hat über die Interaktions-Feinheiten, die Mädchen bei den Naturwissenschaften ins Hintertreffen geraten lassen, empfiehlt, Jungen sollten sich zur Überwindung ihrer Leseschwäche schlicht mehr »anstrengen«.

Die alte Logik: Frauen werden gemacht, Männer machen. Oder sie machen eben nicht. So oder so: selbst schuld. Und seien es Erstklässler.

So könnte und wird es wohl noch weitergehen. Der Abschied vom fatalen Männlichkeitsbild steht nicht zu erwarten. Nur ein komplettes Umdenken würde dessen Ende einleiten.

Dazu gehört, überhaupt erst einmal ein soziales Sensorium zu entwickeln für die vielen offenen und versteckten Formen der männerfeindlichen Ideologie. Und es gehören Forschungen dazu, um die historische Tiefendimension auszuloten, über die wir bislang kaum etwas wissen. Als wirkungsvollster Hebel dürfte sich – bedauerlicherweise – der vordergründig böseste erweisen: die Desillusionierungsarbeit am Weiblichen vorantreiben. Dafür sorgen bereits in hohem Maße die Erfolge des Feminismus; das klingt zynisch und ist doch nicht so gemeint. Je mehr Frauen endlich in bislang versperrte Positionen vordringen, als Kanzlerin, Bankerin, Chefin, Soldatin, Müllwerkerin, umso deutlicher wird, dass die Gesellschaft dadurch zwar fairer, darüber hinaus aber nicht besser wird. Die Probleme einer modernen Gesellschaft bleiben.

Denn das Weibliche rettet nicht. Das bedeutet: Das Männliche zerstört nicht. Wir haben die Welt 200 Jahre lang so eingerichtet, dass der gegenteilige Anschein entstehen konnte. Wir dürfen uns jetzt davon lösen.

Aber erst wenn wir Frauen genauso – Verzeihung – scheiße finden wie Männer, so unmoralisch, egoistisch, verantwortungslos, kommen wir auf die Idee, keines der Geschlechter mehr mit Etiketten zu versehen. Erst wenn wir Frauen alles zutrauen, auch das Böseste, machen wir sie zu ganzen Menschen. Wenn Humanität, dann auch die dunkle Seite. Erst wenn wir Männern nicht mehr nur das Schlimmste zutrauen, machen wir sie zu ganzen Menschen. Und geben den Blick frei auf Individuen.

Gerade aus diesem Grund wäre eine Frauenquote für Vorstände empfehlenswert. Wenn Aufsichtsräte und Aktionäre ein, zwei Jahrzehnte lang sehen, dass Frauen auch nichts anders machen als Männer, können sie endlich unabhängig vom Geschlecht entscheiden: und eine kalte, rücksichtslose Frau ernennen, wenn sie das Unternehmen umkrempeln wollen; und einen sanften, verbindlichen Mann, wenn es um den Betriebsfrieden geht. Oder umgekehrt.

Erst moralische Geschlechterparität erlaubt, die jeweiligen Benachteiligungen zu betrachten, ohne dabei einem Geschlecht einen Tätervorsprung und einem anderen einen Opferbonus einzurichten. Und stattdessen nach den jeweiligen, vermutlich komplexen Ursachen zu forschen für die skandalöse Unterrepräsentation von Frauen in den Chefetagen und die skandalöse Überrepräsentation von Jungen bei Schulversagern und von Männern in Gefängnissen. Für die hohe Rate von Missbrauch bei Mädchen und die hohe Rate von Misshandlungen bei Jungen. Für die Unterbezahlung von Frauen und die übermäßigen Todesfälle von Männern durch Kriege, gefährliche Berufe und Selbstmorde.

Moralische Gleichheit würde auch verhindern, dass eine Gleichstellungsbeauftragte, wie im vergangenen Jahr in Goslar, zum Rücktritt genötigt wird, weil sie auch für die Belange von Jungen und Männern einzutreten gedachte.

So ließe sich das große Werk des Feminismus vollenden. Dessen historische Leistung, die Benachteiligungen und die Stereotype des Weiblichen zu benennen und zu bekämpfen, wird oft von einer Bekräftigung der Stereotype des Männlichen begleitet. So hat die Bewegung es versäumt, eine andere Geschichte der Männlichkeit zu erzählen als jene, die um 1800 auf den Weg gebracht worden ist. Nun gilt es, mit dem Feminismus über ihn hinauszugehen, um auch das männliche Verhängnis des modernen Geschlechterdenkens zu enttarnen.

Man mache sich nichts vor: Der Widerstand gegen die ethische Waffengleichheit dürfte gewaltig sein. Es steht so viel auf dem Spiel. Die Gesellschaft müsste ihren Moralhaushalt neu organisieren. Die vage Reservemoralität, die wir im Weiblichkeits-Stereotyp bunkern, wäre obsolet. Die tröstliche Gewissheit, dass, wie schlimm es auch immer komme, die Ausputz- und Trümmerfrauen parat stehen, um den ganzen Mist der Männer zu beseitigen – sie müsste zerbröckeln. Und würde uns vermutlich fehlen. Bis wir so weit sind, diese Geschlechterlogik zu kippen, also übergangsweise, können wir uns mit der ältesten Kulturtechnik der Befreiung behelfen: mit dem Lachen.

Wenn eine machtbewusste Politikerin wie die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Sätze wie diese äußert: »Wir Frauen sind einfach pragmatischer. Männer fürchten eher, in Konflikten ihr Gesicht zu verlieren. Das ist weniger ein Frauenthema. Wir nehmen uns selbst nicht so wichtig« – einfach lachen. Herzhaft, aus vollem Halse.

Wenn ein renommierter Wissenschaftler wie der Oxforder Psychiater Simon Baron-Cohen schreibt: »Das männliche Gehirn ist so ›verdrahtet‹, dass es überwiegend auf das Begreifen und den Aufbau von Systemen ausgerichtet ist«, was Männer zu besseren Anführern, Wissenschaftlern und Kriegern mache – dröhnend lachen, aus federndem Zwerchfell.

Lachen.

Weil es lachhaft ist.

 
Christoph Kucklick

Die Hexenjagd von Goslar

Im Mai jährt sich der Kulminationspunkt der Causa Goslar, der Tag, an dem Monika Ebeling ihres Amtes als Gleichstellungsbeauftragte enthoben wurde und in der Folge auch noch ihre Arbeit verloren hat, weil sie zu viel Empathie für Jungen und Väter zeigte. Das ist, auch wenn man es zum wiederholten Mal hört, immer noch unglaublich. In ihrem Buch „Die Gleichberechtigungsfalle“ hat Monika Ebeling die Ereignisse von damals eindrucksvoll geschildert und aufgearbeitet. Aber wie wurde aus dem Mädchen Monika die Frau Monika Ebeling, die wir heute kennen? Frau Ebeling will mit uns erstmals über diese Entwicklungsgeschichte erzählen. Machen wir dazu eine kleine Zeitreise durch die Geschlechterpolitik. Das Interview führte Dr. Bruno Köhler.

MANNdat: Sehr geehrte Frau Ebeling: Am 6. Juni 1971 erschien das Magazin "Der Stern" mit der Schlagzeile "Wir haben abgetrieben!" und einem Titelbild, auf dem sich 28 Frauen mit ihrem Foto öffentlich zu einem Schwangerschaftsabbruch bekannten. Diese Aktion wurde initiiert von der Feministin Alice Schwarzer. Sie löste eine emotional geführte gesellschaftliche Debatte über die Frage aus, ob und unter welchen Umständen eine Frau abtreiben darf. Sie waren damals noch ein junges Mädchen. Haben Sie diese Diskussion damals mit verfolgt?

Ebeling: Ich habe den Eindruck, dass es an der Zeit ist, dass insbesondere ältere und in der Sache erfahrene Frauen die Verantwortung für einige frauenpolitische Fehlentscheidungen der vergangenen Jahrzehnte übernehmen sollten. Die Weichen der Gleichstellungspolitik müssen neu gestellt und die Debatte könnte ehrlicher werden. Wir könnten die eingefahrenen Wege getrost verlassen, sie führen womöglich sowieso in die Irre. Mir scheint der bisher geführte Diskurs voll Verblendung und Ideologisierung zu sein.

Aber nun zu Ihrer Frage. Die straffreie Abtreibung und die Entscheidung, ab wann man von "Leben" und einem "Menschen" im Mutterleib reden sollte, gehen an mir, Gestern und Heute, nicht spurlos vorbei. Mit der aktuellen Debatte um das Klonen von Embryonen könnte das Thema sogar wieder Fahrt aufnehmen. Damals war ich ein junges Mädchen und musste mich natürlich zunehmend auch mit dem Thema Schwangerschaft beschäftigen. Wie die meisten jungen Menschen wollte ich eine Familie gründen und damit auch nicht lange warten.

Der § 218 nahm über längere Zeit viel Raum in der Frauenbewegung ein. Mir schien die politische Argumentation zum § 218 als junge unerfahrene Frau richtig, obwohl ein Beigeschmack blieb und ich inständig hoffte, niemals in eine Situation zu geraten, in der ich nur noch in der Tötung eines Kindes eine Lösung sehen würde. Wie ich höre, klagt unlängst der Verein alleinerziehender Mütter und Väter darüber, dass die rechtliche Stärkung unehelicher Väter angeblich dazu führen soll, dass vermehrt Frauen abtreiben wollen. Wäre eine solche Haltung schwangerer Frauen nicht schrecklich? Lieber soll das Kind abgetrieben werden, als das man sich mit dem Vater auseinandersetzt? Unser Bundespräsident meinte unlängst auf dem Kirchentag, dass es sich einige Menschen mit der Abtreibung vielleicht doch einen Tick zu leicht machen würden. Er spricht mir aus der Seele und deshalb sollten wir handeln.

Der § 218 und die Frauenbewegung haben mittlerweile Staub angesetzt, während sich die Gesellschaft rasant wandelt und der medizinische Fortschritt unaufhörlich wächst. Es gibt heute die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik und man kann medizinische Eingriffe am ungeborenen Kind im Mutterleib vornehmen. Über das Blut der Schwangeren sind nicht nur erbliche Erkrankungen, sondern auch die Vaterschaft im Frühstadium einer Schwangerschaft eindeutig zu klären. Die Chance, so früh den Vater eines Kindes identifizieren zu können, sollten wir im Interesse des Kindes zu nutzen wissen. War es in der Vergangenheit nicht selten ein Problem, dass man die Mutter genau zuordnen konnte, aber den Vater nicht? Nun ist die Lösung da und Frauen haben Angst zuzugreifen.

Die künstliche Befruchtung macht es möglich, dass Frauen mit weit über dreißig, ja sogar mit fünfzig oder sechzig Jahren, mit hohem Risiko für Mutter und Kind, schwanger werden können. Frauen trotzen der Natur weit nach Ablauf der "biologischen Uhr" Kinder ab und nehmen sich inzwischen in Sachen Zeugung, Abtreibung und Mutterschaft oft alleinige und exklusive Rechte heraus. Das fühlt sich für mich teilweise so an, als wenn Männer aus diesem Geschehen ganz ausgeschlossen werden sollen. In diesem Kontext scheint mir die Frauenbewegung Männern und Kindern gegenüber mit einer Härte und Abfälligkeit aufzutreten, die ihresgleichen sucht. Sie versucht erfolgreich, mögliche Standpunkte der ungeborenen Kinder und der dazugehörigen werdenden Väter und Männer mit einem Handstreich wegzuwischen. Ich meine, es ist dringend erforderlich, die Väter in ihrer Rolle zu stärken. Männer müssen sagen, wie sie Vaterschaft leben wollen und sich für ihre Interessen stärker einsetzen. Aus Höflichkeit zu schweigen wäre falsch.

Heute fällt es vielen Frauen schwer, schwanger zu werden, selbst wenn sie es wollen und oft, weil sie es zu spät wollen. Die Gebärmutter ist gläserner geworden und die Signale des Ungeborenen stärker. Wir sollten auf die kindliche Stimme hören und bedenken, dass Kinder bereits vor der Geburt Rechte haben. Was würde dieses ungeborene, wenige Wochen alte Kind wollen? Eine Mutter klagte vor Gericht, weil ihrem wenige Tage vor dem Stichtag geborenen Frühgeborenen medizinisch nicht geholfen worden sei. Die Ärzte hätten helfen müssen, findet sie, denn sie hätte bei ihrem Kind Lebenswillen gesehen.

Aus meiner heutigen Perspektive muten mich die damalige Entscheidung für den § 218 und die folgenden Aktionen und Argumente zunehmend mittelalterlich an. Ich finde die vorgeburtliche Selektion ungeborener Menschen durch einige Frauen bedenklich. Mein "grünes Herz" wird bei so vielen medizinisch-technischen Eingriffen in die natürlichste Sache der Welt ganz schwach. Da tragen wir Biosandalen, Ökobaumwolle und essen vegetarisch, weil wir Tiere nicht töten wollen und scheuen uns nicht, im gleichen Atemzug abzutreiben oder dafür zu sein? Wie passt das zusammen?

Ich will, dass rund um den § 218 neu diskutiert wird! Wo bleibt hier die Inklusion der Kinderrechte? Wie könnten Väterrechte in diesem Kontext inkludiert werden und mehr Wertschätzung erhalten? Aus meiner Sicht beschränkt der § 218 die Gleichberechtigung von Mann und Frau und missachtet Kinderrechte.

Vom einstigen frauenpolitischen Credo in dieser Sache habe ich mich im Verlauf meines Lebens weit entfernt und das ist gut so. Heute kommt es mir so vor, als wenn die damalige Aktion im Stern eine große Lügengeschichte gewesen sein könnte. In ihrem Buch schreibt Alice Schwarzer „auch ich selbst unterschreibe, selbstverständlich, obwohl ich nie abgetrieben habe…denn bei dieser Selbstbezichtigung geht es ja nicht um ein persönliches Geständnis, sondern um eine politische Provokation“. (S 241) Stellt sie sich und den Stern dadurch als Lügner dar?

1975 fand das legendäre Rededuell zwischen Esther Vilar und Alice Schwarzer im WDR statt. Vilar und Schwarzer verkörperten zwei unterschiedliche feministische Ausrichtungen. Vilar vertrat einen Feminismus des Dialogs mit Männern und des gegenseitigen Verständnisses. Schwarzer dagegen präsentiert den Feminismus, wie wir ihn heute kennen – männerfeindlich, dialogunfähig und hochgradig aggressiv gegen Feminismuskritiker. Und sie nutzte auch schon die Strategie, Kritiker in die rechte Ecke zu schieben. Sie nannte Vilar eine Sexistin und Faschistin. Es ist die gleiche Vorgehensweise, wie sie heute von fanatischen Feministen in dubiosen „Expertisen“ über Feminismuskritiker praktiziert wird. Fast 40 Jahre danach erinnert sich Vilar:„Ich fand es nicht logisch, dass wir Frauen dauernd ein Geschlecht beschimpften, das sein ganzes Leben darauf ausrichtet, einen Beruf zu erlernen, um mit diesem Beruf dann für uns und unsere Kinder zu sorgen. Da lief etwas falsch. Dabei sind es die Frauen, die über die Rollenmuster der Geschlechter entscheiden, denn bei ihnen liegt die Erziehung, die frühe Prägung. Es ging gegen meine Würde, dass wir Frauen uns zu Opfern stilisierten.
Nach dem Interview wurde Vilar bedroht. Sie verließ das Land. Haben Sie damals das Rededuell wahrgenommen, und wie kam es bei Ihnen an?

An das Rededuell kann ich mich nicht erinnern. Ich bin erst wieder via YouTube darauf gestoßen. Die Diskussion um das Buch nehme ich allerdings deutlich in mir wahr. Die Dressur von Männern? Das kam mir damals irgendwie komisch, fast lächerlich vor. Ich konnte diese Dinge noch nicht zueinander bringen. Wie sollte es möglich sein, dass Frauen Männer wie kleine Pudel im Zirkus ´dressieren´ können und warum sollten sie daran Interesse haben? Ich wollte eine faire Beziehung mit dem Mann führen, den ich einmal lieben würde. Ich glaube als junge Frau war ich mit der Einschätzung dieser Angelegenheit noch etwas überfordert und überblickte die gesellschaftspolitische Tragweite nicht. Ich wusste ja noch zu wenig darüber, wie Beziehungen funktionieren und welchen Einfluss die eigene Sozialisation auf unser Leben hat.

Ich habe mich, wie viele Frauen, einfach auf die Seite der Frauenrechte beschränkt. Mir kam es so vor, als wenn ich durch diese Selbstbeschränkung, ja fast Einäugigkeit, für die Gesellschaft Gutes tue und für alle anderen armen unterdrückten Frauen gleich mit in die Bresche springe. Was kümmerten uns damals die Männer? Sie waren eine Last, von der wir uns irgendwie erleichtern sollten.

Also stärkte ich, wie viele meiner Geschlechtsgenossinnen, meinen frauenpolitischen Kampfgeist. Man hatte ja scheinbar auch die gesamte Frauenbewegung, wenn nicht sogar die gesamte ´Frauheit´ hinter sich. So jedenfalls wurde es uns Frauen in der einschlägigen Literatur und in den Frauennetzwerken weisgemacht. Wenn ich diesen Zeitabschnitt in meinem Leben aus heutiger Sicht analysiere, dann würde ich sagen, ich bin der Verlogenheit der feministischen Ideologie weitgehend zum Opfer gefallen. Ich habe mich instrumentalisieren lassen.

Als ich das später erkannte, begann ein schmerzhafter Prozess für mich.Ich dachte nach, änderte mein Verhalten und meine Argumente. Ich legte die feministischen Scheuklappen ab und wollte nicht mehr hinnehmen, dass ich zwar gegen die Diskriminierung von Frauen bin, allerdings die Diskriminierung von Männern toleriere und teilweise sogar richtig finde.

Heute lehne ich inzwischen den Frauenkampf gegen Männer konsequent ab. Ich habe den Eindruck, die frauenpolitischen und feministischen Argumentationsstränge enden rücksichtlos dort, wo ein Vorteil für alle Frauen oder eine einzelne Frau erreicht ist. Wer das nicht mitträgt oder kritisch sieht, wird geächtet.

In der Position der Gleichstellungsbeauftragten habe ich an keinem Tag einen Hehl daraus gemacht, wie ich denke, aber das wollten die Frauennetzwerke nicht hinnehmen. Ich galt in diesen Kreisen schnell als Nestbeschmutzerin. Ich beeinträchtige mit meinen Argumenten und Thesen wohl das Weltbild dieser Frauen. Eine sagte mal zu mir, ´dafür´ hätte sie nicht 25 Jahre gekämpft. Was für eine Aussage. Ein lebenslanger Kampf? Ich will das so nicht!

Ich wurde erst abberufen und verlor dann auch noch meinen Job als Kita-Leitung, weil man mir plötzlich alles Mögliche vorwarf und dabei auch sehr persönlich und disqualifizierend wurde. Diese Art ´Abstrafung´ durch Mobbing ist eine Erfahrung, die man keinem wünscht. Entgegen der eigenen Haltung sich für Frauen einzusetzen, hatte ich plötzlich Frauen gegen mich und die nahmen sogar meine berufliche und persönliche Demontage hin. Soviel zur vielgepriesenen Frauensolidarität.

Ähnlich wie mir ergeht es inzwischen auch anderen mir bekannten Menschen, die feministische Dogmen in Frage stellen, diskutieren möchten oder andere Wahrheiten verkünden. In Norwegen ist derzeit die Rede davon, dass es verboten werden soll, sich feminismuskritisch zu äußern. Das finde ich undemokratisch. Auch hierzulande gehen gewisse Frauen und Männer ja gleich hoch wie eine Rakete, wenn man es wagt, einen frauenpolitischen Standpunkt in Frage zu stellen. Das sind dann oft auch die, die sich auf Friedenskundgebungen tummeln.

Es gibt Menschen, die bereits davon sprechen, dass wir auf dem Weg in ein Matriarchat sind und die zukünftigen Machthaberinnen gehen durchaus nicht zimperlich mit ihren männlichen ´Untergebenen´ um. Was mir da so zu Ohren kommt, ist haarsträubend.

Tendenziell kann man Matriarchate schon in etlichen Lebensbereichen sehen. In der Leiharbeit zum Beispiel. Da werden überwiegend junge und ungebildete Männer von überwiegend sehr geschäftstüchtigen Frauen vermarktet und ungeniert ausgebeutet. Es ist auch spürbar im Bildungswesen, in dem Jungen vielleicht deshalb verlieren, weil das überwiegend weibliche pädagogische Personal sich wenig auf deren Bedürfnislagen einstellt. Matriarchate breiten sich aus, wer mag das bestreiten? Feministen wird das freuen.

Vom Ende der Männer zu sprechen, wie Hanna Rosin u. andere es machen, erscheint mir mittlerweile nicht mehr abwegig. Aber keinesfalls möchte ich als Frau in einem Matriarchat leben und dann womöglich die gleichen Fehler machen, die ich den patriarchalen Männern einmal vorgeworfen habe. Wir steuern auf eine geschichtlich gesehen überaus imposante Zeit zu.

1980 gab es die erste Frauenquote, und zwar führten diese die Grünen ein. Das war ohne Frage eine Zäsur in der Frauenbewegung. Die Frauenbewegung, die ja geschlechterspezifische Diskriminierung beseitigen wollte, bediente sich genau dieses Mittels der Diskriminierung. Diese Doppelmoral ist bis heute ein Charakteristikum des Politfeminismus. Was erlebten Sie zu Beginn der 80er Jahre? Wie standen Sie damals zur Frauenquote?

Damals war ich frisch verheiratet und gebar mein erstes Kind. Die Ultraschallbilder, die meine Babys zeigten, sind kaum vergleichbar mit den tollen Aufnahmen heute. Mein Mann war mit im Kreissaal, das war uns wichtig. Das nächste Kind habe ich dann zu Hause entbunden. Ich denke, wir waren eine tolle kleine Familie. Mit meinem Mann arbeitete ich als Hauseltern in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für drogenabhängige junge Männer, und wir betreuten bereits unsere ersten Pflegekinder. Wir waren dabei, unser Leben und unsere Familie aufzubauen und herauszufinden, was jeder von uns dazu beisteuern könnte, dass wir ein gutes und zufriedenes Leben führen könnten.

Ich dachte damals, die Frauenquote könnte nicht schaden, und wenn die prominenten Frauenkämpferinnen diese als ein geeignetes Mittel sehen, dann werden sie wohl ausführlich darüber diskutiert und nachgedacht haben. Die Frauenquote war für eine junge Mutter zu weit weg, ich hatte einfach wichtigeres zu tun.

Heute kann ich über die Frauenquote nur den Kopf schütteln. Sicher, wenn Frauen an die Macht wollen, dann müssen sie auch dort arbeiten, wo es Macht zu verteilen gibt. Wenn Sie am Kapitalmarkt agieren wollen, dann müssen Sie Kapital erwirtschaften. Das ist aus meiner Perspektive allerdings eine ziemlich elitäre Sachlage. In meiner Zeit als Gleichstellungsbeauftragte in Goslar habe ich mich gefragt, ob ich mich nun tatsächlich für sehr gut ausgebildete, selbstbewusste und perfekt sozialisierte Frauen einsetzen sollte. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich diesen Frauen ausreichend Kraft und Mut zutraue. Mein Augenmerk will ich auf die Gleichstellungsbedürfnisse von bedürftigen Frauen und Männern legen.

Man darf nicht vergessen, dass Demokratie und der relative Wohlstand in unserem Land noch ein junges Unternehmen sind. Es ist noch nicht lange her, dass auch bei uns feudale und sogar diktatorische Zustände herrschten. Lange Zeit hatten die meisten Menschen nichts zu sagen und waren arm wie Kirchenmäuse. Das ist der Boden, auf dem Demokratie und Menschenrechte heute gedeihen müssen.

Meiner Meinung nach ist die Quote gar nicht nötig. Die jungen Frauen sind bereits auf natürlichem Weg in die Vorstandsetagen. Da sollte man nichts erzwingen, sondern darauf vertrauen, dass sich Frauen und Männer, deren berufliches und persönliches Profil passt, ihren beruflichen Weg dorthin bahnen werden, wo sie hinwollen.

Wer die Frauenquote fordert, wünscht sich die Hilfe von Vater Staat. Vielleicht hat die ganze Gleichstellungsdebatte sogar sehr viel mit dem Vaterthema zu tun. Mir ist aufgefallen, dass ein nicht unerheblicher Anteil von sogenannten ´frauenbewegten´ Frauen ein problematisches Vater- und Männerbild haben. Ich bin gegen die Frauenquote. Ich glaube, wir verschwenden hier unsere Energie.

1985 dann der Klassiker »Typisch Mädchen« von Marianne Grabrucker. Darin heißt es: » [...] die Anerkennung der Mädchen kann nur auf Kosten der kleinen Buben geschehen.« Damit hat Grabrucker genau die geschlechterspezifische Bildungspolitik formuliert, wie wir sie heute erleben: Mädchenförderung auf Kosten der Jungen. 100 Mädchen-MINT-Förderprojekten stehen heute nur 4 Jungenleseförderprojekte gegenüber. Und die Jungen, die im MINT-Bereich auch eine Förderung nötig hätten, werden rücksichtslos zurückgelassen.
Die Frauenzeitschrift EMMA legte 1986 nach: »Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen.« Dann ging es Schlag auf Schlag: 1986 wurde das erste Frauenministerium unter Leitung von Rita Süssmuth, CDU, eingerichtet. Danach zogen die einzelnen Bundesländer nach. Gleichzeitig kamen die Frauenbeauftragte in die Städte und Kommunen. Am 1. Juli 1986 stellte z.B. die Stadt Karlsruhe als eine der ersten Städte in Baden-Württemberg eine Frauenbeauftragte ein.

Bis heute ist Geschlechterpolitik ausschließlich Frauenförderung geblieben. In den Gleichstellungsstellen der Kommunen führt man regelrecht Wettbewerbe durch, wer die meisten und härtesten „Jungen-müssen-draußen-bleiben-Aktionen“ oder das nachhaltigste Väter-Gewalt-Tüten-Bashing betreibt. Als Sie fast 30 Jahre später einen emphatischen Ansatz in ihrer Funktion als Gleichstellungsbeauftragte einführten, sollte Sie das am Ende Amt und Job kosten. Erinnern Sie sich noch an die erste Frauenbeauftragte, die Sie kennengelernt haben? Wie erlebten Sie diese frauenpolitische Offensive gegen Jungen und Männer?

Eine Fachkraft, die sich ausschließlich um die Belange von uns Frauen kümmern sollte, schien mir damals dringend notwendig. Es war auch eine sehr schöne Wertschätzung der sogenannten frauenpolitischen Anliegen. Ich hatte einige Male privat und beruflich Kontakt mit Frauenbeauftragten und auch mit Frauenhäusern. Da arbeitet man wie in einem Geheimbund. Dieser Eindruck hat sich während meiner Zeit als Gleichstellungsbeauftragte noch verstärkt. Ich hätte immer schön der gleichen Meinung sein und mitheulen sollen, dann hätten mich die Frauennetzwerke gestreichelt und vielleicht sogar bewundert. Diese ´Streicheleinheiten´ könnten vielleicht die Motivation mancher Frauenkämpferin sein, hier mitzumachen.

Heute frage ich mich, warum Politik ein Geschlecht haben muss und sehe die negativen Auswirkungen dieser Exklusivität. Schauen Sie sich die Homepages der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten einmal näher an. Das strotzt nur so von Männerdiskriminierung.

Ich habe die Entwicklungen für uns Frauen immer sehr verfolgt, allerdings stets unter der Maßgabe, ob sich für Frauen etwas verbessert, ob wir Vorteile oder besondere Aufmerksamkeit bekommen. Auswirkungen auf Dritte haben dabei wenig interessiert.

Vor einiger Zeit las ich einen Artikel im Zeit Magazin . Eine englische Ex-Frauenbeauftragte wurde dort mit einer Wortneuschöpfung zitiert: ´Feminizissmus´. Sie zog die Worte Feminismus und Narzissmus einfach zusammen. Viele Frauen haben mit ihren teilweise überzogenen sogenannten frauenpolitischen Ideen und Forderungen eine unaufhörliche Nabelschau betrieben. Das Ausmaß an Eigennutz, Selbstsucht und Exklusivität dieser ganzen Frauenbewegung war mir als junge Frau nicht klar. Kein Wunder. Ich profitierte ja selbst von diesem gesellschaftspolitischen Wellness-Programm für Frauen. Niemand wird den Ast, auf dem er sitzt, absägen wollen. Mittlerweile ist ein profitabler Geschäftsbereich entstanden. Es wäre eine politisch brisante Zäsur, diesen plötzlich abschaffen zu wollen. Aber ich glaube, es muss sein!

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich beim Männerbashing eine Zeitlang auch mitgemacht habe. Männer abzuwerten, ihre persönlichen Leistungen und ihren gesellschaftlichen oder familiären Beitrag schlecht zu machen, ist eine perfide ideologische Strategie, aber sie funktioniert immer noch und scheint zum durchgängigen Prinzip geworden zu sein. Diese Lästereien über die Unzulänglichkeiten von Männern sind ja auch heute noch an der Tagesordnung. Anstatt uns gegenseitig zu helfen, werten wir einander ab. Ein solches Verhalten ist destruktiv und sollte keinesfalls zur Politik erhoben werden dürfen.

Ich war zu der Zeit Mutter von insgesamt 5 Kindern, studierte Sozialarbeit und begann mich in der SPD zu engagieren. Das Private ist politisch, hieß es, also bemühte ich mich die Politik zu verstehen und hoffte meinen Beitrag leisten zu können, wenn ich mich vor Ort politisch engagiere. Immerhin, ich kandidierte damals bei einer Kommunalwahl auf den hinteren Plätzen, saß in Fraktionssitzungen und führte eine Frauengruppe. Ich war Delegierte für Parteitage. Ich merkte sehr schnell, dass Politik ein mühsames und träges Geschäft ist. Das läuft meinem Naturell und meinem lösungsorientierten Denken leider zuwider.

Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich meine Mitgliedschaft in der SPD aufgebe und austrete. Mit diesem Gedanken trage ich mich schon länger. Ich sehe dort niemanden, mit dem ich mich politisch verbünden könnte. Da sind mir tatsächlich ein paar Politiker aus der CDU und der FDP inhaltlich näher.

Anfang der 1990er Jahre gibt es die ersten Frauenförderprogramme durch Bundesländer, und EU. Ebenfalls Anfang der 90er Jahre häufen sich spektakuläre angebliche Kindesmissbrauchsfälle. Beispiele sind der Montessori-Prozess und die Wormser Prozesse. Der „Missbrauch des Missbrauchs“ war geboren, eine wirksame Waffe im Sorgerechtskrieg.
Sabine Rückert hat das Thema in ihrem Buch "Unrecht im Namen des Volkes" verarbeitet: "Die wahnhafte Fixierung auf den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen erfasste in den neunziger Jahren die gesamte Gesellschaft, hielt Einzug in Familien, spielte bei Scheidungsverfahren eine immer größere Rolle und fand ihren Weg zu Kinderärzten, in Schulen, in die Jugendämter, in die psychiatrischen Stationen, die Untersuchungszimmer der Gerichtspsychologen und die Büros sonst so sachlicher Staatsanwälte und Richter." Sabine Rückert: Justizirrtum: Inquisitoren des guten Willens , Die Zeit 3/2007, 11. Januar 2007.
Der Missbrauch mit dem Missbrauch – auch heute noch aktuell?

Mehr denn je. Falschbeschuldigungen von Männern werden Frauen sehr einfach gemacht und das scheint mir politisch toleriert. Unsere Politiker müssen die rosarote Frauenbrille aufgehabt haben, als sie gewisse Gesetze zum ausschließlichen Vorteil von Frauen verabschiedeten. Die Exekutive lässt sich frauenpolitisch instrumentalisieren und scheint sich nicht nur in Einzelfällen zum Handlanger einseitiger Parteilichkeit für Frauen machen zu lassen. Der Judikativen fällt oft auch nichts Besseres ein, als der Frau und Mutter ohne Beweise zu glauben und auf bloße Behauptungen hin Urteile gegen Männer zu fällen.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, heißt es, doch dieser Grundsatz wird teilweise ausgehebelt. Über Jahrzehnte ist die Idee des bösen Mannes von den Frauennetzwerken geschürt worden. Fremdbeschuldigung und Selbstmittleid breiten sich unter Frauen aus. Diese böse Saat trägt mittlerweile bittere Früchte. Aber ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Menschen gibt, die merken, dass hier etwas falsch läuft. Weibliche Selbstverantwortung und Selbsterkenntnis bleiben auf der Strecke, wenn Frauen permanent auf Männer zeigen und ihnen Schuld in die Schuhe schieben.

Anfang der 1990er ließen sich viele Pärchen in meinem Umfeld scheiden. Das war wie ein Zwang, wie ein Trend oder eine Mode und fast schon unheimlich. Es kam, wie es kommen musste. Mein Mann und ich trennten uns ebenfalls. Ich war über ein paar Dinge sehr traurig, aber ich wünschte ihm Glück für seinen neuen Lebensabschnitt. Auf meinen Unterhalt habe ich verzichtet, weil ich der Meinung bin, dass eine gesunde Frau mit einer Ausbildung für sich allein sorgen kann und das auch muss. Insofern finde ich die neue Unterhaltsregelung richtig. An der finanziellen Nabelschur eines Mannes wollte ich nicht liegen, sondern mein eigenes Geld verdienen.

Wir haben nach einer Phase der Trauer und der Verarbeitung der Trennung schon bald wieder gute Dinge miteinander erlebt. Die Hochzeiten unserer Mädchen und manche Grillnachmittage, an denen herzlich gelacht wurde. Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, mich bei meinem damaligen Mann zu entschuldigen für mögliche und unnötige Verletzungen, die ich ihm damals womöglich zugefügt haben könnte. Ich wusste es damals leider noch nicht besser. Es gab ja kaum passende konstruktive Scheidungsrituale, so wie es heute auch noch kaum Rituale für Kinder und Väter gibt, die sich wegen einer Scheidung und schlechter Gesetzgebung Jahre oder Jahrzehntelang nicht sehen konnten. Auch hier ist Handlungsbedarf.

Die Jahre nach meiner Scheidung, als alleinerziehende Mutter und mit großen Zeitfenstern ohne erfreuliche Beziehung mit einem Mann, waren mir eine wichtige, aber auch schwere Lebenserfahrung, die ich in meinem nächsten Buch möglicherweise teilweise beschreiben werde. Hier versteckt sich eine große feministische Lüge, auf die viel zu viele Frauen noch heute leichtfertig reinfallen, wie Lemminge, die sich freiwillig einen Abgrund runterstürzen.

1995 beschließt der Bundestag mit Zustimmung des Bundesrates ein Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz, das die Bestimmungen des BVerfG berücksichtigt und eine Fristenregelung bei vorgeschriebener Beratung beinhaltet.
„Mein Bauch gehört mir“ war das Motto. 17 Jahre später, beim Gesetz zur Beschneidung von Jungen, ist der Bundestag nicht so zimperlich bei der Aberkennung des Selbstbestimmungsrechts über den eigenen Körper. Hängt das Recht auf Selbstbestimmung nur von der Größe der Lobby ab, die hinter den Betroffen steht?

Ich finde, wir lassen junge Mütter mit sehr viel Verantwortung sehr allein, wenn wir ihnen die Möglichkeit einräumen, 12 lange Schwangerschaftswochen über Leben und Tod eines Menschen befinden zu dürfen. Das Kind ist wehrlos und arglos und dann so etwas. Zweifelsohne gehört der Bauch der Frau, der Samen dem Mann und Kinder nur sich selbst. Die körperliche Unversehrtheit sollte uns in jedem menschlichem Lebensabschnitt ein hohes Gut sein.

Diese ganze Abtreibungsgeschichte ist wohl nur deshalb möglich geworden, weil es dem Zeitgeist entsprach und eine entsprechend große Lobby mobilisiert werden konnte. Das war damals eine große mediale Kampagne. Im politischen Geschehen gehört Lobbyarbeit zur Tagesordnung. Politiker und Lobbyisten gehen oft Hand in Hand in Berlin an der Spree entlang. Viele Männer haben eine feministische Lobbyistin an ihrer Seite, manchmal im Bett und manchmal am Arbeitsplatz. Das schafft unter Umständen auf Dauer willfährige männliche Duckmäuser.

Ich stehe für Menschlichkeit und Kinderrechte, deshalb bin ich gegen die Abtreibung. Was hätten in diesen 40 Jahren für tolle Kinder geboren werden können, aus denen engagierte Erwachsene und Bürger geworden wären! Menschen, die heute möglicherweise bereits fehlen.

Ich bin gegen die Beschneidung von kleinen Mädchen und kleinen Jungen. Es wäre gleichstellungspolitisch inkonsequent, da einen Unterschied nach Geschlecht zu machen! Unser Grundgesetz schützt auch diese Kinder, es müsste nur angewandt werden. Mir kommt es so vor, als hätte es System, für Mädchen und Frauen etwas zu fordern, was man Jungen und Männern bewusst versagt. Der Gott, an den ich glaube, wäre gegen jede Form der Beschneidung.

Zu jener Zeit arbeitete ich gerade in einem Kinderheim, in der psychiatrischen Nachsorge. Dort wurden so gut wie ausschließlich kleine Jungs im Alter von 6 bis 16 Jahren betreut. Es war mir zuwider, diesen Kindern Psychopharmaka verabreichen zu müssen, deshalb habe ich mir auch bald eine andere Tätigkeit gesucht.

In der Beratung von Frauen hörte ich ständig, dass deren kleine Söhne ADHS hätten. Wenn ich nachfragte, stelle ich fest, dass dies nur Vermutungen von Erzieherinnen, Freundinnen oder der Mutter selbst waren. Ärztlich diagnostiziert war ADHS oft nicht und wenn, dann nicht von Fachärzten. Mir kamen kleine Jungs bereits damals stigmatisiert vor. Ich war schwanger mit einem Sohn. Ich freute mich darüber sehr, aber mir graute vor all den bösen Erfahrungen, die dieser Junge und Mann möglicherweise machen wird. Heute weiß ich, das Jungen und Männer qua Geschlecht diskriminiert werden, weil ich das glaubwürdig in meinem Umfeld erlebe und es mir von Dritten ebenso glaubwürdig berichtet wird. Meinen weiblichen und männlichen Nachkommen und allen anderen Menschen wünsche ich ein besseres Miteinander, deshalb rede ich über diese Dinge.

2001: Das neue Jahrtausend startet mit einer weiteren Großoffensive gegen Jungen und Männer:  Die Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse zeigt zum ersten Mal der Öffentlichkeit, dass auch Jungen in der Schule Nachteile haben. Die schlechte Lesekompetenz wird quasi über Nacht zum Kernthema der Bildung. Im gleichen Jahr wird der bundesweite Zukunftstag für Mädchen eingeführt. Für Jungen gibt es nichts. Die Ausgrenzung von Jungen wird somit zum Leitbild geschlechterspezifischer Bildungs- und Jugendförderung – und sie ist es bis heute geblieben. Der erste Frauengesundheitsbericht der Bundesregierung erscheint. Bis heute gibt es keinen Männergesundheitsbericht der Bundesregierung.
Der Bundestag verabschiedet am 8.11.01 einstimmig den Entwurf zum so genannten Gewaltschutzgesetz , das am 1.1.2002 in Kraft tritt. Damit wird der Polizei ermöglicht, Tatverdächtige bei häuslicher Gewalt der Wohnung zu verweisen. Das Gewaltschutzgesetz war von Anfang an auch bei Fachleuten umstritten. Dr. Doris Kloster-Harz, Fachanwältin für Familienrecht aus München, weist auf die Möglichkeiten der Erpressung des Partners hin, die das Gesetz dem (vermeintlichen) Opfer bietet.
Der Kriminologe Prof.Dr. Dr. Michael Bock meinte in seinem Gutachten: „Das neue Gewaltschutzgesetz stellt den ausgrenzenden Müttern ein erheblich einfacheres Werkzeug zur Trennung der Kinder von den Vätern zur Verfügung. Die bekannten Rituale der Umgangsvereitelung werden um die falsche Gewaltbeschuldigung erweitert. Das Gewaltschutzgesetz fördert nicht den konstruktiven Dialog der Geschlechter, sondern ist ausschließlich auf Enteignung, Entmachtung, Ausgrenzung und Bestrafung von Männern gerichtet. Sein Ziel ist nicht, häusliche Gewalt zu bekämpfen, sondern nur Männergewalt. Geschützt werden sollen nicht alle in häuslicher Gemeinschaft lebenden Menschen, sondern nur Frauen.“ Wie hat bei Ihnen das neue Jahrtausend begonnen? Wie erlebten Sie diese Zeit?

Als Kind erschien es mir noch Ewigkeiten zu dauern, wenn man vom neuen Jahrtausend sprach. Zwei Weltkriege im Rücken, den kalten Krieg vor der Nase, das ließ nicht gerade Vorfreude aufkommen. Das neue Jahrtausend fühlte sich für mich als Kind wie ´schöne neue Welt´ an und hatte was von Science Fiction. Dann kam es eher unspektakulär daher. Ich glaube wir haben noch gar nicht begriffen, wie weit wir uns der schönen neuen Welt tatsächlich schon genähert haben, weil wir so geblendet sind von den vielen bunten Bildern und scheinbaren Möglichkeiten, die uns täglich umlauern. Es ist heute schwer, den gesunden Menschenverstand zu behalten.

Zum Jahrtausendwechsel hatte ich ja dann schon jahrelang gehört, dass Männer die Täter und die Bösen sein sollen. Ich fühlte mich als Teil dieser großen Welterneuerung, in der Frauen an die Macht kommen und wir uns für Jahrtausende währende Unterdrückung durch Männer revanchieren würden. Doch schon damals bröckelte dieses Weltbild, hatte Risse und wies aus meiner Sicht Ungereimtheiten auf. Ich bekam die feministischen Phrasen immer weniger mit dem zusammen, was ich beruflich und persönlich erlebte.

Die Sache mit dem Gewaltschutz ist ein schönes Beispiel für diesen einseitig parteilichen frauenpolitischen Unsinn. An der Einstimmigkeit im Parlament merkt man, dass es um ein Tabuthema gehen muss. Niemand wagt Widerspruch, Einspruch oder Gegenrede. Als ich einstimmig zur Gleichstellungsbeauftragten berufen wurde, war mir das irgendwie suspekt. Es gibt doch sonst keine einhellige Meinung zwischen den Parteien. Kein Parlamentarier möchte sich aber den Makel der Frauenfeindlichkeit damit verdienen, dass er eine hinterfragende Haltung zu diesem Gesetz einnimmt oder nach 10 Jahren einmal nachfragt, ob da nicht nachgebessert werden müsste. Ich meine, es muss nachgebessert werden!

Im Wohnzimmer sprechen Polizisten unbefugt Recht, urteilen ab und schicken in regelmäßiger Einfalt Männer aus dem Haus. Der Vorwurf, gegen eine Frau Gewalt ausgeübt zu haben, wiegt schwerer, als die Unschuldsvermutung und klebt wie ein altes Kaugummi am Mann fest. Es macht aber krank, unschuldig zum Schuldigen gemacht zu werden. Ich habe schon viele Männer gesehen, die dadurch in kürzester Zeit körperlich und seelisch abbauten und am Ende persönlich und beruflich ruiniert waren. Es muss etwas faul sein an diesem Gesetz und seiner Handhabung. Die Macht der Frauen ist grandios geworden. Dort darf eine Frau ein Kind aus ihrem Bauch hinauszutreiben und hier ist es ihr leichtfertig möglich, einen Mann durch Falschbeschuldigung komplett zu zerbrechen. Eine tödliche Effizienz, die eine Frau zur Waffe machen könnte.

In unserem Land gibt es einen bundesweiten Aktionsplan gegen Gewalt gegen Frauen. Aus meiner Sicht brauchen wir einen solchen Aktionsplan nicht, weil wir demokratische Grundrechte und eine gute Infrastruktur haben, um Frauen in Not helfen zu können. Diese Infrastruktur wiederum fehlt, wenn Männer in Not geraten. Es müsste ein Aktionsplan gegen häusliche Gewalt sein, der geschlechtsneutral und ohne feministische Scheuklappen agiert.

In den Ausstellungen zu häuslichen Gewalt und bei den einschlägigen Aktionen spricht man mit regelmäßiger Abfälligkeit von Frauen als Opfern und Männern als Tätern, aber von Polizistinnen und Polizisten, Richterinnen und Richtern usw. Man spielt den Anteil der Frauen an der häuslichen Gewalt herunter und bläht den der Männer fälschlicherweise auf. Das stinkt zum Himmel.

Der Girls-Day brauchen wir nicht wirklich. Das ist viel Geld und Aufwand, um kleinen Mädchen eine schöne Zeit außerhalb der Schule zu bereiten. Ist einmal evaluiert worden, ob dieser Einsatz von Steuermitteln nachhaltige Ergebnisse erzielt? Alle Schüler haben das Thema Mann und Frau im Arbeitsleben doch sowieso im Lehrplan. In unserem Land kann jeder werden was er will, wenn er die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Wem das verwehrt werden sollte, der kann Rechtsmittel einlegen.

Wir haben nun schon 40 Jahre lang versäumt, die Gleichstellungsbedürfnisse von Männern zu beachten und eine mögliche Diskriminierung aufgrund des männlichen Geschlechtes negiert. Das ist ein Gender Gap. Wir schossen mit Kanonen ein Dauerfeuer auf männliche Spatzen ab, weil uns die radikalen Frauenkämpferinnen weismachen konnten, dass Frauen schon immer und noch heute von Männern beherrscht und unterdrückt seien. Vielleicht haben wir auf diese Weise das Glück unserer Söhne, Männer und Väter mit Füßen getreten und sie mit Missachtung gestraft. Wollen wir nun auch noch auf dem Leid der Männer die schöne neue Frauenwelt aufbauen? Das wird nicht gutgehen, weil es niemals ein gutes Ende nimmt, wenn man sich auf dem Unglück anderer ein schönes Leben machen möchte.
Ich möchte meine Töchter und Söhne gleich behandelt wissen. Das steht für mich außer Frage.

2010 entfachte die Deutsche Telekom durch die Einführung einer Frauenquote die Diskussion um Frauen in Führungspositionen neu. Einerseits das Gejammer wegen Fachkräftemangels – andererseits leistet man sich den Luxus, Fachleute nach Geschlechtsteilen auszusuchen. 2011 dann die „Hexenjagd von Goslar“. Der Vorfall ist in Ihrem Buch „Die Gleichberechtigungsfalle“ ausführlich beschrieben. Wir können dieses Buch wärmstens empfehlen, zeigt es doch eindrucksvoll, wie wirksam und rabiat heute feministische Netzwerke funktionieren.
Wie geht es Ihnen heute, 2013? Hat Sie die „Hexenjagd von Goslar“ wieder eingeholt? Werden Sie noch verfolgt oder können Sie heute in Ruhe Ihre neue Existenz genießen?

Ich bin ein bisschen stolz auf das, was wir erreicht haben. Mit ´wir´ meine ich all die Frauen und Männer, die sich für Menschen einsetzen, die diskriminiert werden, weil sie eine Frau oder ein Mann sind. Inzwischen ist es nicht mehr so einfach, einen gesellschaftlichen oder politischen Schulterschluss für Frauenthemen zu finden. Früher hätte ich  das als Niederlage empfunden, heute weiß ich, es führt kein Weg um die Inklusion der Männer in die Gleichstellungspolitik herum, sonst wird unsere Gesellschaft den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Wer aufmerksam hinschaut und zuhört, kann einen Wandel wahrnehmen. Die Öffentlichkeit ist den Gleichstellungsbedürfnissen der Männer gegenüber sensibler geworden. Männer werden öfter inkludiert als früher. Gott sei´s gedankt, finden sich auch noch Akteure, die ihren Mund aufmachen, Männer, die ihre diskriminierenden Geschichten und Gewalterfahrungen erzählen und sich nicht dafür schämen.

Die letzten Bastionen der Retrofeministinnen werden einstürzen, weil dieses ideologische Widerkäuen und der fast schon religiös anmutende Singsang der Argumente auf Dauer keinen Bestand haben werden. Söhne und Töchter, Frauen und Männer sind klug und erfahren genug zu erkennen, dass sie nur gemeinsam die großen Probleme unserer Zeit werden lösen können. Den Kampf Frau gegen Mann können wir uns in vielfacher Hinsicht nicht mehr leisten. Er ist so unnötig wie ein Kropf und schadet unseren Kindern.

Mir kommt es so vor, als wenn ich für gewisse soziale Arbeitsbereiche ´gebrannt´ bin. Seit einem Jahr bin ich auf meinem neuen Arbeitsplatz als Kita-Leitung und merke, wie mich die Causa Goslar wieder einholt. Die Hexenjagd wirkt nach, weil es an vielen Orten Frauen gibt, die den Gezeitenwechsel nicht wollen. Jetzt suche ich einen Arbeitgeber, dem mein berufliches und persönliches Profil willkommen ist. Inzwischen nutze ich die Zeit zur Erholung und schreibe an meinem nächsten Buch. Den Tag meiner Abberufung feiere ich mit einem Glas Sekt und einer dicken Zigarre.

Auf Ihr neues Buch sind wir sehr gespannt. Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen auf Ihrem aufrichtigen Weg und bei der Suche nach einem Arbeitgeber alles Gute. Lassen Sie sich nicht unterkriegen.